Warum ich schreibe
Zwischen Gehirnsturm und Ordnung
Warum schreibe ich eigentlich?
Eine Frage, die immer mal wieder von allen möglichen Substackern beantwortet wird.
Eine Frage, die ich mir selbst nie aktiv gestellt habe, auf die ich aber sofort eine Antwort hätte.
Meine Gedanken waren schon immer schnell. Oft habe ich ein Ergebnis im Kopf, bevor ich überhaupt weiß, wie ich dorthin gekommen bin. Es ist einfach da. Und ich kann nicht sagen, woher es kommt. Nicht einmal ich selbst kenne den Weg – zumindest nicht sofort.
Erst wenn ich beginne, dieses Ergebnis zu erklären, entfaltet sich der Gedankengang dahinter. Und das war schon immer so. Schritt für Schritt wird sichtbar, wie ich dorthin gekommen bin. Und obwohl ich nicht weiß, was ich gedacht habe, um zu diesem Ergebnis zu kommen, weiß ich einfach, dass ich es durchdacht habe. Ergibt das irgendwie Sinn?
Und ich spreche dabei nicht von Intuition oder Instinkt im klassischen Sinne. Nicht von einem Bauchgefühl, das aus Sympathie oder Abneigung entsteht. Nein. Es sind Antworten auf komplexere Fragen. Antworten auf Fragen, über die andere lange nachdenken. Antworten, die ich innerhalb eines Moments habe.
Meine Texte entstehen genauso. Augenblicklich und ohne Bedenkzeit. In der Sekunde, in der sich mir das Thema eröffnet hat, weil jemand ein Wort sagte oder ich einen bestimmten Gegenstand sah, ist der Text bereits fertig. Zumindest in meinem Kopf.
Ich habe zu keinem meiner Texte aktiv recherchiert. Er fügte sich in meinem Kopf zusammen, und die einzige Aufgabe, der ich gegenüberstand, war es mein absolut nicht verbalisierbares Gedankenkonstrukt, irgendwie doch zu verbalisieren. Und das mache ich, indem ich schreibe.
In meinen Texten sieht niemand, wie sich meine Ideen bilden. Welche Assoziationen ich habe und wie neue Gedanken zwischen die alten springen. Ich erkenne, dass meine schnellen Gedanken oft viel fundierter sind, als sie sich zunächst anfühlen. Denn wenn ich schreibe, sehe ich den Weg, der vorher unsichtbar war.
Meine Texte sind strukturiert. Mein Gehirn ist es nicht. Deshalb schreibe ich gerne. Dadurch helfe ich mir selbst Struktur in einen Kopf zu bekommen, in dem ganz schön viel los ist.
Lange Zeit hatte ich das Gefühl, anders zu denken. Oder auch nicht so auf Dinge zu blicken, wie viele andere. Oft wurde ich nicht verstanden. Weder meine Perspektive, noch meine Erklärungen ergaben für andere irgendwie Sinn. Einen Teil meines Lebens fühlte ich mich deshalb unsagbar einsam. Ich hatte das Gefühl, man verstand mich einfach nicht. Und egal wie gut ich versuchte mich zu erklären, es kam einfach nicht an. Ich fragte mich, ob ich einfach zu dumm bin, und man mich deshalb nicht versteht. Dabei dachte ich einfach anders.
Und beim Schreiben habe ich das Gefühl Menschen zu erreichen, die mich eben doch verstehen. Das Ergebnis und auch den Weg dorthin.
Freunde sagen mir häufig, dass ich Perspektiven eröffne, die sie selbst noch gar nicht gesehen haben. Das ist ein Kompliment für mich, das ich wirklich sehr liebe. Statt meine Art des Denkens zu kritisieren und unlogisch oder absurd zu finden, drückt dieses Kompliment für mich tiefe Wertschätzung aus. Und genau das fehlte mir lange Zeit, wenn es um meine Denkweise ging.
Mein Kreis ist jedoch bewusst klein gehalten. Also habe ich viele Gedanken zu Themen, die ich nicht in einem Gespräch teilen kann. Vor allem aber nicht in der Tiefe, wie ich es gerne hätte, da nicht jeder zu Themen, die mich beschäftigen, eine Meinung hat. Das ist völlig fein, aber ich möchte dennoch meine Gedanken äußern. Durch das Schreiben kann ich das.
Also sortiere ich mein wirres Gedankenkonstrukt. Ich mache es greifbar. Und vielleicht erreiche ich damit sogar Menschen, die ähnlich denken oder nachvollziehen können, was ich meine. Menschen, die sich in meinen Worten wiederfinden. Und dann zeigt sich für einen Moment, dass wir mit all dem eben doch nicht so allein sind.
Love,
Emma
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Der Auslöser für diesen Artikel war die wundervolle Idee für einen (ersten?) Substack-Sammelband der lieben Miriam Schaan 🥰





Oha, Emma hat auch einen Zugang zum Hellwissen 😁
Cooles Thema und sehr relatable! Erinnert mich an Hannah Arendt die sagt sie schreibt nur um zu verstehen. Gedanken niederzuschreiben wirft soviel Ballast ab den man verbal nicht erläutern kann und erst Recht nicht anderen Gegenüber, da sie erstmal auf die Autobahn aufzufahren haben und auf das Tempo beschleunigen müssen. Schön zu hören, dass andere auch auf der Überholspur fahren und andere manchmal abhängen müssen. Umso schöner, dass sie hier zusammen zur Ruhe und zum einparken kommen.