Die Strafe für Komplexität
Warum ich oft "zu viel" war
Vergangene Woche habe ich über die Doppelmoral der Selbstliebe geschrieben. Im Ergebnis stört mich jedoch immer noch diese Erwartung, sich selbst klein zu machen, nur weil andere ein schwaches Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl haben.
Bei näherer Betrachtung fielen mir zahlreiche Situationen ein, in denen es gar nicht primär um das Selbstbewusstsein der anderen ging, sondern darum, dass ich nicht in eine vorgefertigte Schablone passte. Ich habe ein Weltbild irritiert, womit manche Menschen offenbar nicht umgehen konnten. So wurde ich als zu viel wahrgenommen – obwohl ich einfach nur ich selbst war. Sicher spielte manchmal auch Unsicherheit eine Rolle. Doch häufig schien weniger meine Person das Problem zu sein als die Tatsache, dass ich mehrere Erwartungen gleichzeitig erfüllte, die normalerweise getrennt gedacht werden.
Also stelle ich mir heute die Frage:
Was passiert, wenn jemand mehrere gesellschaftlich positiv bewertete Eigenschaften gleichzeitig verkörpert?
Das Problem der guten alten Schubladen
Wir Menschen denken gerne in Schubladen. Eigenschaften werden sofort kategorisiert und in die entsprechenden Schubladen gesteckt. So ist man schnell die Nette, die Hübsche, die Akademikerin, die Sportlerin, die Kreative oder was auch immer.
Das ist grundsätzlich nicht weiter schlimm. Schubladen sind effizient. Sie ordnen Menschen gewisse Eigenschaften zu und verbinden sie dann damit. Denn unser Gehirn liebt einfache Modelle. So weit so unproblematisch. Allerdings stören komplexe Menschen diese Kategorisierung.
Das Problem entsteht nämlich dann, wenn die Rechnung nicht mehr aufgeht. Viele Menschen nehmen an, dass bestimmte Eigenschaften andere Eigenschaften ausschließen. Nicht böswillig. Aus reinen Effizienz-Gründen halt. Wenn diese Eigenschaften nun plötzlich gleichzeitig auftreten und sich demnach vermeintlich widersprechen oder es auch einfach zu viele positive auf einmal sind, scheint das Weltbild zu wackeln.
Intelligent UND attraktiv? Erfolgreich UND herzlich? Selbstbewusst UND empathisch? Kompetent UND nahbar? Wie kann das alles gleichzeitig wahr sein?
Es kollidieren Ansichten miteinander, die subjektiv niemals zusammengepasst hätten. Und je mehr Eigenschaften gleichzeitig zutreffen, desto schwieriger wird die Einordnung.
Der psychologische Schutzmechanismus
Und das ist auch nur nachvollziehbar. Wenn etwas nicht ins eigene Weltbild passt, entstehen Spannungen, die natürlich erstmal für Unsicherheit sorgen. Denn wie kann etwas existieren, wenn es in meinem Weltbild eigentlich nicht existiert?
Diese Spannungen wollen gelöst werden. Und das funktioniert am besten durch Schutzmechanismen. Sie passieren fast schon automatisch und unbemerkt.
Man könnte sein eigenes Weltbild erweitern. Man könnte akzeptieren, dass die Realität komplexer ist als die bisherigen Annahmen. Das kostet jedoch Energie. Deutlich einfacher ist es, die störende Information abzuwerten.
Aus “Das passt nicht in mein Bild” wird schnell “Das kann so nicht stimmen.”
Die attraktive Person muss oberflächlich sein. Die intelligente Person sozial unbeholfen. Die erfolgreiche Person arrogant. Und die empathische Person naiv. Irgendwo muss schließlich ein Ausgleich existieren, damit die Rechnung wieder aufgeht.
Dadurch entsteht ein interessantes Phänomen: Menschen suchen nicht nach Informationen, die ihr Weltbild erweitern, sondern nach Informationen, die es retten. Sie suchen nach dem Haken.
Daraus resultieren Abwertung, Neid, Ausschluss oder Misstrauen. So entstehen Gedanken wie “die ist bestimmt arrogant” oder “mit der stimmt irgendwas nicht”. Nicht unbedingt, weil dafür Belege existieren. Eher, weil diese Erklärung einfacher erscheint als die Möglichkeit, dass die eigene Schublade einfach nur zu klein war.
Fallbeispiele aus dem Leben
Ich kann leider ein Lied davon singen, wie oft ich schon ein Weltbild gesprengt habe. Weltbilder, die mir nach wie vor völlig absurd erscheinen.
Michelle:
Vor einigen Jahren waren Freunde von weiter weg bei einem Freund von mir zu Besuch, nennen wir ihn Valentin.
Wir saßen in der Runde – nur Männer, Michelle und ich. Ich war gar nicht eingeplant, aber da sie an meiner Wohnung vorbeifuhren, haben sie mich spontan eingesammelt. Es war ein chilliger Abend. Wir haben gequatscht, gelacht und geplant, morgen zusammen nach Erfurt zu fahren. Sie übernachteten wie geplant bei Valentin zu Hause. Alle außer mir natürlich, da ich nur wenige hundert Meter weiter wohnte. Sie wussten noch nicht, wann genau sie morgen los wollten. Sie würden sich melden und mich auf dem Weg wieder einsammeln.
Dazu kam es aber nicht. Ich wusste nicht, wieso. Ich dachte einfach, ihre Pläne hätten sich geändert. Kein Problem.
Eine Woche später waren Valentin und ich verabredet. Er erzählte mir, dass sie doch nach Erfurt gefahren sind, Michelle aber nicht wollte, dass ich mitkomme. Denn sie fühlte sich unwohl in meiner Gegenwart. Also haben sie mich ausgeschlossen. Ich war schockiert! “Oh nein! Was hab ich denn dummes gesagt? Ich fand sie so toll, mir war nicht bewusst, dass ich vielleicht was unpassendes gesagt oder gemacht habe. Warte mal… Was hab ich denn eigentlich gemacht?”
Tja, wie sich herausstellte: Nichts. Weder habe ich was blödes gesagt noch gemacht. Im Gegenteil. Valentin erzählte mir, dass sie beeindruckt von mir war. Dadurch leider aber auch eingeschüchtert. So hübsch und auch noch so intelligent und witzig. Da konnte sie aus ihrer Sicht nicht mithalten und fühlte sich entsprechend unwohl.
Jetzt war ich aber noch schockierter. Wieso dachte sie so? Ja, einer der Männer in der Runde fragte mich ganz nebenbei, wie meine Promotion läuft. Da mein Dissertationsthema aber sterbenslangweilig war, hielt ich meine Antwort kurz. Das jedoch schien schon gereicht zu haben, um mich als so viel intelligenter wahrzunehmen.
Sie war doch noch Abiturientin. Was ist das denn für ein unlogischer Vergleich? Ich bin halt fünf Jahre älter als sie. Wenn sie will, kann sie in fünf Jahren ebenfalls an ihrer Doktorarbeit schreiben. Warum sie sich von meiner Optik eingeschüchtert fühlte, kann ich bis heute nicht nachvollziehen. Sie ist eine wunderschöne junge Frau. Ihr Selbstbild schien mit ihrem Bild von mir konkurrieren zu müssen – und hielt nicht stand.
Ich schüchterte sie mit meiner bloßen Präsenz schon ein. Da war es natürlich leichter, mich einfach auszuschließen, als sich dem zu stellen.
Die Kanzlei:
Und wie sollte es anders sein: In der Kanzlei passte ich ebenfalls nicht ins Bild. Ich schrieb bereits darüber, dass ich scheinbar nicht wie eine Juristin wirke, denn hier galt meine Herzlichkeit als Makel. Vor allem eine Partnerin der Kanzlei schien sich an mir festgebissen zu haben, wie mir mein Chef später berichtete. Sie hinterfragte meine Fähigkeiten und auch, warum ich mit allen Kollegen so gut klarkam. Ihr kam schnell zu Ohren, dass ich sehr herzlich bin und einen verdammt guten Job mache. Das passte für sie scheinbar nicht zusammen. Ihre Aufregung über meine Person verunsicherte mich. Doch dann sagte mein Chef zu mir: “Mach dir keine Gedanken. Sie fühlt sich nur bedroht. Für manche Menschen bist du einfach schwer einzuordnen. Du bist jung, kompetent und kommst mit deiner Art gut bei den Leuten an. Das ist für manche schon genug, um sich eingeschüchtert zu fühlen.”
Es gäbe noch so viele weitere Beispiele. Und ich wette, ich bin mit solchen Erfahrungen nicht allein. Sie alle ließen mich jedoch mit dem gleichen Gefühl zurück. Ich fühlte mich, als hätte ich etwas falsch gemacht oder als müsste ich mich zurücknehmen, damit andere sich nicht eingeschüchtert fühlen. Als dürfte ich nicht mehrere positive Eigenschaften haben. Als wäre ich zu viel.
Früher tat ich es. Früher zeigte ich nicht, was ich konnte oder wusste. Früher war ich bescheiden, dabei habe ich mich einfach nur absichtlich klein gemacht. Um bloß niemanden zu verletzen. Aber wieso muss ich mich zurücknehmen? Sollten die anderen nicht einfach aufhören, sich mit jemandem zu vergleichen, der einfach kein guter Vergleich ist? Wie sollte Michelle denn bitte mit meinem Bildungsgrad mithalten, wenn sie gerade einmal 19 war und ich bereits zwei Studienabschlüsse hatte? Die Rechnung geht doch nicht auf. Der Vergleich hinkt gewaltig.
Oder sollte ich bei der Arbeit nicht mehr offen und herzlich mit meinen Kollegen sein? Damit sich eine Partnerin nicht mehr klein fühlt im Vergleich zu mir? Wie kommt eine erfolgreiche Anwältin in ihren Fünfzigern überhaupt auf die absurde Idee, sich mit einer Berufseinsteigerin Mitte 20 zu vergleichen?
Die eigentliche Frage
Wieso können nicht mehrere positive Eigenschaften gleichzeitig existieren, ohne, dass sofort nach einem Defizit gesucht wird? Wieso muss ein Ausgleich entstehen, damit die Welt wieder in Ordnung ist? Wieso dürfen wir nicht einfach nur sein?
Sicherlich könnte jeder eine andere Eigenschaft an mir finden, die er als negativ bezeichnen würde. Klar, wir haben alle unsere Wahrnehmung und eine völlig unterschiedliche Blickweise auf die Welt. Aber bewusst danach zu graben und nicht aushalten zu können, wenn es auf den ersten Blick zu viele positive Eigenschaften sind, ist in meinen Augen eben jene schlechte Charaktereigenschaft, die so dringend bei anderen gesucht wird.
Ja, in einem System aufzuwachsen, das genau diesen Blick verstärkt, ist nun mal nicht leicht. Aber ich mache es doch auch nicht. Ich bin doch ebenfalls in diesem System aufgewachsen und habe nicht das Bedürfnis, positive Eigenschaften von Menschen mit potenziell negativen auszugleichen.
Die Strafe für Komplexität
Die eigentliche Strafe der Komplexität besteht also scheinbar darin, dass Menschen versuchen, sie zu vereinfachen. Wer nicht in eine Schublade passt, wird so lange erklärt, relativiert oder abgewertet, bis er hineinpasst.
Aber ich verändere mich nicht mehr für andere. Ich mache mich nicht kleiner. Ich mache mich nicht dümmer und ich mache mich auch nicht hässlicher, damit sich jemand anderes wohler fühlt. Das habe ich lang genug mitgemacht. Da bin ich rausgewachsen. Ich passe nicht in diese unsinnigen Schubladen und das ist nicht mein Problem.
Vielleicht besteht Reife ja darin, auszuhalten, dass Menschen komplexer sind als die Schubladen, in die wir sie stecken wollen. Damit nicht mehr aus vielseitig plötzlich zu viel wird.
Love,
Emma
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Zu der Kanzleigeschichte: Ich bin der Meinung, dass da auch Generationen aufeinander gestoßen sind. Sie, eine Frau, die versucht hat sich in einer Branche, die zu ihren Anfängen noch viel mehr von Männern geprägt war, durchzusetzen. Die sich mit akkurater Härte/Kälte durchgeboxt hat. Und dann du, die es mit Freundlichkeit trotzdem schafft Anerkennung zu bekommen. Die Intelligenz ist da vielleicht gar nicht mal das Problem, weil die wahrscheinlich jeder in der Kanzlei haben muss, um überhaupt eingestellt zu werden. So sieht sie dich als jemand, die sie gerne selbst gewesen wäre, jetzt aber nicht mehr werden kann, ohne unglaubhaft zu wirken. Denn eine Anpassung ihres Verhaltens mehr in deine Richtung, würde wie ein schlechter Abklatsch deinerseits wirken.
Vielen Dank für einen weiteren wundervollen Einblick aus deinem Nähkästchen und deine Gedankenwelt 💐
Ich hatte früher auch hauptsächlich Männerfreunde und während dem Studium lange keine Beziehung. Irgendwann war ich mit einem von ihnen auf einen Cafe und hab ihm "mein Leid geklagt", dass ich nicht nachvollziehen kann, warum mich keine Männer ansprechen. Er sagte "you are hot when you want to, but over all you are extremely intelligent. You intimidate them. I'm just not scared because I'm so much older than you" - ich musste so Lachen, aber ich glaube er hatte nicht ganz unrecht.
"Man könnte sein eigenes Weltbild erweitern. Man könnte akzeptieren, dass die Realität komplexer ist als die bisherigen Annahmen. Das kostet jedoch Energie. Deutlich einfacher ist es, die störende Information abzuwerten."
Das hast du sehr treffend formuliert und ich glaube zum Großteil stimmt das auch. Andererseits kostet es mit der Zeit viel mehr Energie so ein Weltbild aufrecht zu erhalten, als etwas anderes zuzulassen. 🪷
Wie du schreibst Michelle, war selbst auc